Mikronesien: Von Kiribati nach Kosrae und Pohnpei

Wir verlassen unseren Ankerplatz in Kiribati um die Mittagszeit des 27. November und machen uns auf den Weg zum 650 Seemeilen entfernten Kosrae, nach Pohnpei die zweitgrößte Insel und östlichster Bundesstaat der Federated States of Micronesia (FSM). Kosrae war für kurze Zeit deutsche Kolonie, bis die Japaner die Insel im 1. Weltkrieg annektierten. Geografisch gehört Kosrae – wie die anderen Inseln der FSM – zu den Karolinen.

 

 

Die Prognose für die ersten Segeltage verspricht leichte bis mittlere Passatwinde. Im Gegensatz zu unseren vorherigen Passagen lässt uns der Wettergott diesmal jedoch ganz schön hängen, und die Überfahrt wird ziemlich quälend: Segeln können wir immer nur stundenweise, in den Phasen dazwischen schaukelt und bockt „Alumni“ in üblem Schwell aus allen Richtungen. Der nach Osten setzende äquatoriale Gegenstrom von rund einem Knoten und die heftigen Regenschauer, die über uns hinwegziehen, machen es auch nicht besser. Eigentlich kein Wunder, wenn man sich auf der Wetterkarte das Chaos anschaut, das im weiträumigeren Umfeld des Westpazifiks gerade herrscht: Ein tropisches Tief aus unserer Gegend ist über Guam in Richtung Philippinen gezogen und geht dort heute als ausgewachsener Taifun an Land, im Norden ein dickes Hoch, das 300 Seemeilen nördlich Ostwind mit acht bis neun Windstärken bringt, ein nach Süd-Vanuatu abziehender tropischer Sturm, der ebenfalls kurzfristig als Zyklon eingestuft wurde, sowie ein kleinerer Taifun östlich von Japan. Keine Spur von dem angekündigten Passat, der Druck in die Segel bringen und das Schiff in der Kreuzsee stabiler laufen lassen würde.

 

 

Generell stellen wir fest, dass die – zumindest für einen Zeitraum von ein, zwei Tagen – sonst recht zuverlässigen Grib Files in diesem Seegebiet offenbar an ihre Grenzen stoßen. Wesentliche Ursache dürften die geringen Luftdruckunterschiede in Äquatornähe sein, die keine klaren Isobarenverläufe erkennen lassen. Andererseits führen bereits sehr geringe Druckunterschiede zu viel höheren Windstärken als in den gemäßigten Breiten – mit dem entsprechenden Risiko von Fehlprognosen. Die instabile Atmosphäre mit ihren hohen Hitze- und Feuchtigkeitsgraden sowie die spärlichen Wetterdatenmeldungen (per Schiff, Flugzeug oder Boje) abseits der globalen Verkehrswege tragen das ihre zur schlechten Prognosequalität bei.

 

 

Doch nach fünf Tagen, am Mittag des 2. Dezember, ist es geschafft, und wir laufen durch einen Pass im Ringriff in die gut geschützte Bucht von Lelu Harbour ein.

 

 

Unser Anker fällt hinter der kleinen Insel Lelu, dem einstigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum Kosraes, heute durch einen 700 Meter langen Damm mit der Hauptinsel verbunden. Org begibt sich zügig an Land zu Smith, dem Manager des örtlichen, überraschend gut sortierten ACE-Baumarkts. Smith (übrigens sein Vorname) hat ein großes Herz für Segler und ist – gemeinsam mit seiner Frau – sehr bemüht, ihnen den Aufenthalt auf Kosrae angenehm und erlebnisreich zu gestalten. Bereitwillig lässt er seine weitreichenden Beziehungen zum Wohle der Seglergemeinde spielen – sowohl zu den lokalen Behörden als auch zu denen auf der Hauptinsel Pohnpei, die in erster Linie für die Erteilung des wichtigen Vessel Entry Permit zuständig sind. Auch wir hatten bereits von Kiribati aus umfangreichen Telefon- und E-Mail-Verkehr mit ihm.

Smiths Großvater war der letzte König von Kosrae, wie er uns erzählt. Aus dieser Historie erklärt sich sein ausgedehntes Ufergrundstück, dem besten Platz zum Anlanden per Dinghi auf Lelu, was er Seglern auch gern gestattet. Smith ruft flugs alle Behörden zusammen, so dass wir nur kurze Zeit später, auf Gartenstühlen unter dicken Mangobäumen sitzend, ganz entspannt unsere Einklarierung vornehmen können. Da wir ja bereits im Vorfeld der Einreise einige Erfahrungen mit der hiesigen Bürokratie sammeln konnten, hat sich Org mit wahren Stapeln von Kopien ausgestattet, dennoch sind es nicht genug. Das stört jedoch nicht weiter, wir können sie in ein paar Tagen im Verwaltungszentrum Tofol auf der Hauptinsel nachreichen, und ein kleines Auto wollen wir uns sowieso mieten.

Wir tragen uns in Smiths Gästebuch ein, in dem wir einige bekannte Segler entdecken. Im Jahr 2019, das sich dem Ende neigt, sind wir erst die siebte Besucheryacht auf Kosrae – und werden während unseres einwöchigen Aufenthalts die einzige bleiben. Das hat seinen Grund: Ein übereifriger, gieriger Port Manager hat über Jahre alles getan, um Besucher mit selbstherrlich festgelegten, astronomischen Einklarierungsgebühren zu schröpfen und im Ergebnis zu vergraulen. Er wurde zwar mittlerweile, auch auf Initiative von Smith, der in verschiedenen Inselgremien sitzt, in die Wüste geschickt, aber wie sooft ist es schwer, einen einmal ruinierten Ruf wieder los zu werden. Wir indes können uns nicht beschweren: Das vor unserer Abfahrt zu entrichtende Liegegeld ist absolut angemessen, und wir kehren beladen mit Bananen und Orangen aus Smiths Garten an Bord zurück.

 

 

Der Legende nach wurde Kosrae von den Göttern erschaffen, die die Insel nach den Umrissen einer schlafenden Frau formten: „Island of the Sleeping Lady“ – das Panorama der vom Dschungel überwucherten Vulkanspitzen breitet sich direkt vor unseren Augen aus, und wir schauen zu, wie es sich im Wechselspiel des Tageslichts verändert.

 

 

Auf der üppig-grünen, bergigen Vulkaninsel regnet es sehr viel, aber nachdem wir sechs Wochen in Atollen und Lagunen mit ihren flachen Motus verbracht haben, ist dieser landschaftliche „Tapetenwechsel“ auch mal wieder schön, außerdem kühlt es durch die Schauer nachts angenehm ab.

 

 

Am nächsten Tag unternehmen wir mit unserem Leihwagen eine erste Erkundungstour über die gut 100 Quadratkilometer große Insel, auf der gerade einmal 6.000 Einwohner leben.

 

 

Das wild zerklüftete Innere ist weitgehend unzugänglich, lediglich einige alte Pfade, die nur die Einheimischen kennen, führen durch die Berge. Der Autoverkehr bewegt sich auf der Küstenstraße, die etwa die halbe Insel umspannt. An dieser Straße spielt sich mehr oder weniger das Leben von Kosrae ab.

Unsere erste Stippvisite führt uns zur „Green Banana Paper Company“. Das Unternehmen wurde vor einigen Jahren von dem Amerikaner Matt gegründet, der 2008 als junger Lehrer nach Kosrae kam. Er hatte die Idee, aus den im Überfluss vorhandenen abgeernteten Bananenstauden, die in ihrem zweijährigen Lebenszyklus nur einmal Früchte tragen und anschließend ungenutzt entsorgt werden, Papier herzustellen. Matt kauft den Bananenbauern der Insel die Staudenreste als Recyclingmaterial ab und gibt ihnen so eine neue, zusätzliche Einnahmequelle.

 

 

Er und der Betriebsleiter zeigen uns, wie in einem arbeitsintensiven, mehrstufigen Prozess aus den Stämmen der Bananenstauden eine reiß- und wasserfeste, sogar feuerbeständige Naturfaser extrahiert wird. Danach beginnt die eigentliche Papierherstellung, ebenfalls kein einfaches Verfahren.

 

 

Die Produktpalette ist in den letzten Jahren immer weiter ausgebaut und veredelt worden, bis hin zu attraktiven Souvenirs wie „vegane“ Geldbörsen und Laptop-Taschen. Alles wird in Handarbeit hergestellt, unter weitgehender Vermeidung von Chemikalien und Verwendung natürlicher Farbstoffe. Inzwischen beschäftigt der sympathische Jungunternehmer 25 lokale Vollzeitmitarbeiter, darunter Weber, Näher und Designer. Von so viel Begeisterungsfähigkeit muss man sich einfach mitreißen lassen.

 

 

Nur wenige Minuten entfernt finden wir die „Pacific Tree Lodge“, wunderschön in Mangroven gelegene Bungalows, wo der Amerikaner Mark und seine italienische Ehefrau Maria neben dem kleinen Hotel samt ausgezeichnetem Restaurant ein kleines Touristikunternehmen führen. Sie bieten unter anderem Tauch-, Schnorchel- und Wandertouren an.

 

 

Wir begeben uns zunächst ins Restaurant, genießen köstliches Sashimi und lassen uns zwei Touren empfehlen, auf denen uns Salik, einer der erfahrenstes Guides der Insel, begleiten wird.

Die Küstenstraße endet im Nordwesten am Flughafen, der auf einer künstlichen Insel innerhalb des Riffgürtels gebaut wurde, neben einer Kaianlage zum Umschlag von Containerschiffen. Beide Anlagen wirken reichlich überdimensioniert, haben ihren Sinn aber mehr im Kontext mit den weiter westlich gelegenen pazifischen Militärbasen der Amerikaner.

Wie in der Südsee hat man auch auf Kosrae ein pragmatisches Verhältnis zu den verstorbenen Ahnen, die im Vorgarten ruhen: Gerne wird mal auf den kühlenden Grabplatten ein Nickerchen gehalten, und die Grabanlagen eigenen sich auch prima zum Trocknen der Wäsche.

 

 

Am nächsten Tag führt uns unsere erste Inseltour mit Salik in die ausgedehnte Mangrovenlandschaft im Süden der Insel. In Utwe erwartet uns bereits ein Kanu mit Außenbordmotor samt Bootsführer.

 

 

Zunächst durchqueren wir eine weite Lagune mit Blick auf den 630 m hohen Mt. Finkol, den höchsten Berg Kosraes.

 

 

Eine Kolonie der wenig erforschten, endemischen Kosrae-Flughunde lebt direkt am Wasser.

 

 

Dann geht es in ein weit verzweigtes Netz flacher Kanäle, die sich durch die Mangrovensümpfe schlängeln.

 

 

Wegen des nahenden Niedrigwassers schaffen wir es nicht ganz bis zum geplanten Endpunkt Walung, denn der Bootsführer fürchtet um den Propeller seines Außenborders. Dennoch gewinnen wir einen guten Eindruck von diesem landschaftlichen Highlight.

Von der zweiten Tour, einer mehrstündigen Wanderung zu den Ruinen von Menka, rät mir Salik ab, da der Weg infolge der ergiebigen Regenfälle der letzten Tage matschig und extrem rutschig sei. Einen weiteren Sturz nach Fidschi kann ich nun wirklich nicht gebrauchen, also ziehen Salik und Org zusammen mit einem amerikanisch-koreanischen Paar, das bei einer Non-Governmental Organisation (NGO) auf Pohnpei arbeitet, ohne mich los. Es wird ein anstrengendes und nasses, aber lohnendes Unterfangen. Gleich nach Aufbruch setzt heftiger und lang anhaltender Regen ein. Der schmale Pfad mäandert entlang eines Gebirgsbaches, der hin und zurück insgesamt zehnmal zu durchwaten ist, und führt durch einen der am besten erhaltenen, artenreichsten Regenwälder Mikronesiens langsam bergauf.

 

Wasseräpfel

 

 

Die Ruinen selbst hat der Urwald längst wieder in Besitz genommen. Die Struktur der Anlage, die nie komplett erforscht wurde und für deren Bedeutung es unterschiedliche Erklärungsansätze gibt, ist kaum mehr zu erkennen.

 

 

Irgendwo in diesem Dschungel soll der berüchtigte Seeräuber und Sklavenhändler Bull Hayes, der im 19. Jahrhundert die geschützten Buchten von Kosrae als Unterschlupf nutzte, die Beute seiner Raubzüge vergraben haben. Noch heute suchen Glücksritter nach seinem Schatz, bisher vergeblich.

Ich beschäftige mich derweil an Bord und erwarte Org zum Sonnenuntergang zurück. Die Sonne geht unter, es wird dunkel, doch noch immer sehe ich unser Dinghi bei Smith herrenlos herumdümpeln und werde allmählich nervös. Immerhin hat Smith seine Gartenbeleuchtung für Org angestellt, damit er „nach Hause“ findet. Es ist bereits nach 20 Uhr, als Org zurückkommt, völlig verdreckt, mit nur noch einem Schuh, vom zweiten hat sich die Sohle gelöst, zudem rechtschaffen müde von der Schlammschlacht. Doch er ist zufrieden und hat zudem ein Kistchen frisches Gemüse dabei – etwas, das wir seit unserem Aufbruch in Fidschi mehr als entbehrt haben. Im Schutz des Regenwaldes und unter Nutzung des hier reichlich vorhandenen Wassers werden Gurken, Auberginen, Okraschoten, Kohl, sogar Tomaten und Obst kultiviert und am Straßenrand zum Kauf angeboten. Da Smith aus seinem eigenen Garten noch ein paar Handvoll Limetten spendiert, muss sich der Skorbut noch etwas gedulden, bis er uns zu fassen bekommt.

Es gibt noch eine weitere, viel leichter zugängliche archäologische Stätte auf Kosrae, und zwar die Ruinen von Insaru, die nicht weit von der Hauptstraße gegenüber von Smiths Wohnhaus liegen sollen. In einem Reiseführer von 1987 wird die Ruinenanlage, in welcher der König und die Häuptlinge der verschiedenen Clans ihre Residenzen hatten, als äußerst beeindruckend beschrieben. Mehr als 100 große, von hohen Mauern umgebene Grundstücke bildeten den Kern der ehemaligen Hauptstadt von Kosrae, die um das 16. und 17. Jahrhundert ihre Blütezeit hatte und ein Machtzentrum in diesem Teil des Pazifiks repräsentierte. Viel weiß man jedoch nicht über diese untergegangene Zivilisation. Geblieben sind vor allem ein paar Legenden, etwa die vom sagenumwobenen Isokelekel, der mit 333 Kriegern von Lelu aufbrach und Pohnpei eroberte. Isokelekel gilt als Vater des modernen Pohnpei, und noch heute berufen sich die dortigen Häuptlinge auf ihre Abstammungslinie zu ihm.

Es irritiert uns ein wenig, dass wir die Ruinen trotz eines Lageplans nicht finden. Auf Anfrage verweist man uns auf das Gelände hinter einem verwahrlosten Lagerplatz, um den man durch dichtes Gestrüpp herumgehen muss, um mit einiger Phantasie vom Urwald überwucherte Steinhaufen ausmachen zu können. Etliche Steine haben wohl auch eine unrühmliche Verwendung beim Bau des kleinen Hafenanlegers gefunden. Man kann nur hoffen, dass irgendwann die notwendigen Ressourcen für die Erforschung und Restaurierung dieser Stätte vorhanden sind, um ihre historische Bedeutung wieder nachvollziehbar zu machen.

Eine weitere Sehenswürdigkeit soll der Gipfel des Lelu Hill sein, der von den Japanern mit einem System von Tunneln und Luftschutzbunkern zur Festung ausgebaut wurde. Die Amerikaner haben Kosrae im 2. Weltkrieg nicht direkt eingenommen, doch zerstörten sie viele Widerstandsnester der Japaner im Dschungel und auf den Bergen aus der Luft. Erst 1945 wurde die Insel von den Amerikanern in Besitz genommen. Leider endet auch hier der Pfad zum Gipfel im Unterholz und dichten Gebüsch. Keine Chance, ohne Machete weiterzukommen, so dass wir die angebliche Einzigartigkeit des Rundumblicks über Lelu Harbour nicht aus eigener Anschauung bestätigen können – auch das vielleicht ein lohnender Ansatz, wie der Tourismus auf Kosrae weiterentwickelt werden könnte.

 

 

Kosrae gilt als die mit Abstand religiöseste Insel Mikronesiens. Die Kirchen sind stets gut besucht, wobei insbesondere das Chorsingen ein Gemeinschaftserlebnis von hohem Stellenwert darstellt. Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, können wir jeden Abend an unserem Ankerplatz den Chorproben lauschen, deren Klänge von der am Ufer gelegenen Kirche über die Bucht schallen. Oft haben die Choräle ihren Ursprung in den Neuenglandstaaten, was auf die Missionare und Walfänger aus Boston zurückgeht, die hier im späten 19. Jahrhundert das gesellschaftliche Leben bestimmten.

Wir besuchen den pünktlich um 10 Uhr beginnenden Sonntagsgottesdienst, passen uns dabei den hiesigen Gepflogenheiten an und tragen weder kurze Hosen noch T-Shirts – leider besitze ich an Bord kein dem Anlass angemessenes Kleid. Wir setzen uns auch in die durch den Mittelgang getrennten Bereiche für Männlein und Weiblein und lauschen einer uns unverständlichen Predigt. Was wir allerdings mitbekommen, ist der Gruß, der uns an diesem Sonntag als auswärtigen Gästen entboten wird. Danach erleben wir die Auftritte von fünf Chören aus unterschiedlichen Teilen der Gemeinde, die uns natürlich besonders ansprechen.

 

 

Nach gut zwei Stunden ist der Gottesdienst vorbei, es geht weiter mit Smalltalk vor dem Kirchenportal.

 

 

Danach verabschieden wir uns und treten den Rückweg zum Schiff an. Wir erleben, dass am heiligen Sonntag nicht nur das öffentliche Leben ruht und der Konsum von alkoholischen Getränken verboten ist, sondern sogar das Internet abgeschaltet wird, und zwar bis Montagmorgen. Das hätte es nun nicht unbedingt gebraucht!

Der Montag vergeht mit Vorbereitungen zum Auslaufen, denn ab Dienstag ist herrlicher Passat mit vier bis fünf Windstärken angesagt. Ausklarieren, große Wäsche, Auto zurückgeben…. Die Tankstelle, bei der wir das Auto gemietet haben, liefert uns am Nachmittag noch 300 Liter Diesel per Barge direkt ans Schiff, ein toller Service! Nur so nebenbei: Die Tanke ist auch die beste Adresse für frisches Obst und Gemüse.

Am Dienstag, den 10. Dezember, nehmen wir die letzte Etappe für dieses Jahr, die 350-Seemeilen-Überfahrt nach Pohnpei, in Angriff. Gegen 11 Uhr holen wir bei Sonne, Wind und blauem Himmel unseren Anker auf, der sich samt Kette tief im Mud eingegraben hat. Es dauert gefühlt ewig, bis die Sauerei auf dem Vordeck beseitigt ist, wir die Bucht verlassen haben und Kurs auf den Pass nehmen, begleitet von einer Gruppe kleiner Delfine. Eine gute Stunde später können wir Segel setzen und auf Kurs gehen. Das Vergnügen währt jedoch nicht lange – um uns herum wird es pottschwarz, es blitzt und donnert, dazu gießt es in Strömen, und der Wind kommt auf einmal von vorne. Jetzt sind wir mit ausgebaumter Fock nicht so wirklich gut aufgestellt. „Alumni“ hüpft wie ein Korken im völlig diffusen Seegang. Wir bergen die Segel und werfen die Maschine an – erneut haben uns die Grib Files zum Narren gehalten! Wir glauben sofort, dass dieses Seegebiet als Wetterküche für tropische Tiefdruckgebiete gilt, die sich später zu tropischen Stürmen oder sogar ausgewachsenen Zyklonen entwickeln und weiter westlich, im Dreieck zwischen Chuuk, Guam und den Philippinen, große Schäden anrichten können – prinzipiell in jedem Monat des Jahres. Kosrae und Pohnpei selbst werden aber extrem selten von Zyklonen heimgesucht.

Erst gegen 22 Uhr setzt sich ein leichter Wind aus nordöstlicher Richtung durch, und wir können wieder segeln. Das bleibt auch so am Folgetag, die Restdünung lässt unser Schiff dabei ganz scheußlich durchs Wasser geigen. In der Dämmerung passieren wir in Sichtweite das Pingelap- und am nächsten Morgen das Mokil-Atoll, beide bewohnt, aber ohne sichere Ankermöglichkeiten. Org überschlägt, dass wir für eine Ankunft in Pohnpei am 12. Dezember noch bei Tageslicht einen durchschnittlichen Speed von 13 Knoten bräuchten, um das Desaster des ersten Segeltages auszubügeln – das sitzt nicht drin! Wir müssen also langsamer werden, um nicht nachts anzukommen. Da der Wind mehr und mehr auffrischt, ist das leichter gesagt als getan. Wir verkleinern drastisch unsere Segel. Als auch das noch nicht ausreicht, holt Org in der Nacht bei bis zu 38 Knoten Wind alle Segel ein, und wir fahren nur noch unter unserer „Kuchenbude“. Dieses Bremsmanöver und ein Haken, den wir schlagen, bringen den gewünschten Erfolg: Am 13. Dezember erreichen wir kurz nach Tagesanbruch die Riffeinfahrt von Pohnpei.

Das Fahrwasser in der Lagune führt, wie wir es aus Papeete/ Tahiti kennen, unmittelbar am Flughafen vorbei und liegt direkt in der Einflugschneise. Wir holen über Funk die Freigabe zu ihrer Querung ein. Da der nächste Flieger erst in gut einer Stunde erwartet wird, erhalten wir die Genehmigung und machen wenig später an der Mauer des Industriehafens fest, wo wir relativ zügig einklariert werden. Der Weg zu unserem Ankerplatz in der Mangrove Bay ist kurz, nur etwa zwei Meilen, gilt jedoch wegen zahlreicher nicht kartografierter Riffe als tückisch. Wir haben aber gute Sicht und können die Untiefen klar ausmachen. Gegen Mittag fällt unser Anker an dem Platz, den wir bis zum 21. Februar des nächsten Jahres nicht mehr verlassen werden.

 

 

Wir ruckeln uns noch ein, als sich der Himmel verfinstert und binnen Kürze ein unglaublicher Regenguss auf uns niedergeht – nicht umsonst hat Pohnpei den Ruf, eines der regenreichsten Gebiete der Erde zu sein! Uns stört es nicht weiter, das Schlafdefizit der letzten drei Nächte fordert seinen Tribut, und als wir wieder aufwachen, ist auch der Festtagssekt kalt, schließlich hat Org heute Geburtstag!



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