Alaska voraus!?

Unsere Hoffnung, „Alumni“ im Herbst 2021 eine Stippvisite abstatten und Japan zu Lande bereisen zu können, hat sich nicht erfüllt. Die Einreisebestimmungen der japanischen Regierung sind sehr restriktiv und eindeutig. Obwohl wir alle Register ziehen, merken wir schnell, dass das für uns zuständige Konsulat in Düsseldorf nicht über den geringsten Handlungsspielraum verfügt. Pandemiebedingt nachvollziehbar, bleibt dennoch der Eindruck, dass der ein oder andere in Japan – vielleicht inseltypisch – ganz gerne wieder an die Selbstisolation früherer Zeiten anknüpft.

Also erhält „Alumni“ im gesamten Jahr 2021 keinen Besuch aus Deutschland und wettert ihre zweite Taifunsaison in der Marina von Nio ab. Diese beginnt sehr früh mit einem „Paukenschlag“: Am 9. August zieht Taifun „Lupit“ auf einer ungewöhnlichen Zugbahn mitten durch die Seto-Inlandsee. 250.000 Menschen werden in Japan zur Evakuierung aufgefordert; Überflutungen, Erdrutsche sowie zahlreiche Strom- und Flugausfälle sind die Folge.

 

 

„Alumni“ trotzt dem Wirbelsturm ohne Probleme – die Marina bestätigt ihren Ruf als „typhoon hole“. Das gilt auch für den Zyklon „Chanthu“, der knapp sechs Wochen später über die Inlandsee hinwegfegt.

Mitte Oktober kommt unser neuer „Bordingenieur“ Daniel für zunächst zwei Monate an Bord – mit zwei Wochen Verspätung, denn er muss sich erst um den Katamaran eines anderen Kunden kümmern, der – an einer Mooring in der Inlandsee liegend – die Taifunsaison nicht so gut überstanden hat wie „Alumni“.

 

 

Anhand des exzellenten Wartungshandbuchs, welches sein Vorgänger John vor der Pensionierung angefertigt hat, arbeitet sich Daniel schnell ein – sicher kein einfaches Unterfangen bei den vielen Aggregaten an Bord!

 

 

Die regelmäßige Kommunikation zwischen Deutschland und Japan per Videoanruf über „FaceTime“ klappt hervorragend – bis hin zur Entzifferung und Übersetzung deutschsprachiger Beschriftungsschilder irgendwo tief unten in der Bilge. Und das alles praktisch kostenlos – unvorstellbar vor gar nicht so langer Zeit, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte. In einigen kniffligeren Wartungsfällen ist darüber hinaus John aus Neuseeland zugeschaltet, der in alter Verbundenheit mit seinem Rat zur Seite steht.

Inzwischen ist es klar, dass wir auch im Frühjahr 2022 keine Einreisegenehmigung für Japan erhalten. Da wir nicht noch ein zweites Jahr „gestrandet“ daheim verbringen wollen, greift nun Plan B: Daniel wird Ende Mai mit seinem Sohn Sam, ebenfalls in der japanischen Yachtbranche tätig, „Alumni“ von Japan nach Südkorea überführen. Von Fukuoka/ Kyushu, nicht weit vom Ausgang der Seto-Inlandsee, nach Busan, der zweitgrößten Stadt Südkoreas, sind es nur gut 100 Seemeilen übers Japanische Meer, also höchstens ein „Overnighter“.

Wir wollen Mitte Mai nach Seoul fliegen und mit dem Schnellzug nach Busan weiterreisen, um dort „Alumni“ in Empfang zu nehmen. Stand heute (1. April) brauchen wir nicht einmal mehr – wie bislang vorgeschrieben – ein Q-Hotel aufzusuchen, sondern lediglich einen negativen PCR-Test vor der Abreise und einen weiteren nach der Ankunft vorzulegen. In unserer bisherigen – naturgemäß sehr eingeschränkten – Wahrnehmung hinterlässt Korea in seinem gesamten Erscheinungsbild einschließlich der Einreisebestimmungen einen pragmatischen, fortschrittlichen Eindruck. Wie sagte Konfuzius: „Wenn der Wind der Veränderung weht, dann bauen die einen Menschen Mauern und die anderen Windmühlen.“ Den äußerst regen Agenten aus Busan (Global-Korea, Ltd.) hat übrigens Kirk für uns ausfindig gemacht.

Nachdem wir nun davon ausgehen, in diesem Jahr unsere Reise fortsetzen zu können, geben wir „grünes Licht“ für den Haul-out. Daniel und Sam bringen „Alumni“ von Nio zur Kazenoko-Werft auf der Insel Kurahashi in der Nähe von Hiroshima.

 

 

Es handelt sich um einen kleinen Familienbetrieb in zweiter Generation – die einzige Adresse in weitem Umkreis, wo Boote jeder Art, auch größere Segelyachten mit kurzem Kiel, aus dem Wasser genommen werden können. Die Werft besitzt zwar keinen Portalkran, hat dafür aber einen flexibel anpassbaren Slipwagen entwickelt – so ist „Alumni“ noch nie aufs Trockene gehievt worden. Das Manöver läuft wie geschmiert – Daniel ist begeistert von der Professionalität und Freundlichkeit der Mitarbeiter. Wieder eine ausgezeichnete Empfehlung von Kirk!

 

 

Der Bewuchs nach zwei Jahren in der warmen Seto-Inlandsee ist allerdings erschreckend. Insbesondere die Seepocken haften beim Schleifen wie Zement am Rumpf – eine mühselige, staubträchtige Arbeit!

 

 

Nach gut einer Woche geht „Alumni“ zurück ins Wasser, zumindest wird ihr Unterwasserschiff nass, doch es fehlen genau 20 Millimeter Wassertiefe zum Aufschwimmen: Das Hochwasser ist niedriger als erwartet. Der Slipvorgang muss abgebrochen werden, was der Werft furchtbar peinlich ist – sie entschuldigen sich vielfach. Ein paar Tage später spielt die Tide mit, und „Alumni“ gleitet problemlos in ihr Element.

Nachdem wir nun wieder ein „schlüpfriges“ Unterwasserschiff haben, steht eine Probefahrt an. Unser Maschinist Honda-san kommt erneut an Bord, um seine in Nio durchgeführten Wartungsarbeiten an unserem Bootsmotor zu überprüfen. Erstaunlicherweise war es schwer, überhaupt einen Servicebetrieb für den Yanmar zu finden. Zwar ist der Motor in Japan hergestellt worden, allerdings für den europäischen Markt. Damit gilt er als ausländisches Modell, an das sich kaum ein hiesiger Mechaniker heranwagt.

 

Daniel und Honda-san

 

Daniel berichtet, dass Honda-san ein äußerst kompetenter und dabei sehr bescheidener Mensch ist. Nur zögernd erzählt der Japaner, dass er Chefmechaniker im Red Bull-Honda-Team war, das im letzten Jahr die Formel-1-Weltmeisterschaft gewann. Zu seinen Kunden zählten auch andere europäische F1-Teams, in den USA „Chip“ Ganassi (Indianapolis 500, NASCAR) und weitere – ein wahres „Who is Who“ des Weltmotorsports. Heute leitet Honda-san eine Marina und hat sich auf große Bootsmotoren insbesondere von MTU spezialisiert. Bei so viel Erfahrung sind wir gespannt auf „Alumnis“ neue Racing-Performance! Die Ergebnisse der Probefahrt – 8,3 Knoten Fahrt durchs Wasser bei gerade mal halber Drehzahl – sind vielversprechend.

 

 

Die einstündige Probefahrt verbringt Honda-san im Maschinenraum. Als er von dort wieder auftaucht, ist er mit sich und unserem Motor sichtlich zufrieden. Das ist angesichts der vor uns liegenden Route, bei der wir in jeder Hinsicht auf uns selbst angewiesen sind, natürlich sehr beruhigend.

Auch unsere Vorbereitungen in Deutschland fahren wir allmählich hoch. Fast im Wochentakt geht ein 20-kg-Paket mit Ersatzteilen, Büchern, unserer eingemotteten Thermokleidung aus Patagonien, Konserven und ähnlichem auf die Reise. Unsere Routenplanung nimmt ebenfalls Form an. Wir gehen im Augenblick noch davon aus, dass wir von Busan ohne Zwischenstopp in Japan bis zu den Aleuten durchsegeln müssen. Nur bei einem Notfall dürfen wir die Fahrt in japanischen Hoheitsgewässern unterbrechen, aber zum Beispiel nicht, um etwa in einer Bucht vor Anker liegend ein passendes Wetterfenster für die Weiterfahrt abzupassen. Ob wir wenigstens auf Hokkaido einen kurzen Tankstopp einlegen können, ist noch offen und hängt, wie wir verstanden haben, vom Ermessen – also von der jeweiligen Laune – des Hafenmeisters vor Ort ab. Da es ansonsten ab Hokkaido bis kurz vor Erreichen des amerikanischen Kontinents mit dem Nachtanken mau aussieht, ist Daniel dabei, zwei zusätzliche flexible Dieseltanks an Deck zu montieren. Schließlich brauchen wir Diesel auch für unsere Bootsheizung – selbst im Sommer können die Temperaturen auf den Aleuten bis unter 5 Grad fallen.

Vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine hatten wir noch überlegt, westlich an Hokkaido und den Kurilen vorbei durch das Ochotskische Meer zu segeln und die Kette der Kurilen auf einer der internationalen Seestraßen in Richtung Osten zu queren oder eventuell sogar einen Zwischenstopp auf der russischen Halbinsel Kamtschatka einzulegen, die landschaftlich sehr schön sein soll. Nautisch ist die Route durchs Ochotskische Meer sinnvoll: weniger Schiffsverkehr, ruhigere See, Schiebe- statt Gegenstrom wie östlich der Kurilen (Kamtschatka-Strom) und – damit zusammenhängend (Wassertemperatur) – weniger Nebel. Doch unser Versicherer Pantaenius winkt ab – eine Versicherungsdeckung in diesem Seegebiet sei ausgeschlossen.

Nach Ausbruch des Kriegs in Europa hat sich diese Route natürlich ohnehin erledigt, zumal die Japaner den aktuellen Zeitpunkt für geeignet halten, den seit dem Zweiten Weltkrieg schwelenden Gebietsstreit mit Russland über die südlichsten Inseln des Kurilen-Archipels neu anzufachen. Also werden wir Hokkaido im Süden und die Kurilen in gebührendem Abstand im Osten passieren.

 

 

Unseren ersten Zwischenstopp planen wir auf der unbewohnten Insel Attu, der westlichsten der US-amerikanischen Aleuten. Was auf der Seekarte mit der üblichen winkeltreuen Mercator-Projektion wie ein Umweg aussieht, entspricht tatsächlich nahezu der (im Vergleich zum Direktkurs um 40 Seemeilen kürzeren) Großkreisroute nach Dutch Harbor auf der Insel Unalaska, dem ersten offiziellen Einklarierungshafen Alaskas.

Die diesjährige Segelsaison wollen wir Anfang September in Südalaska beenden, wenn dort die Temperaturen bereits wieder zügig im Rückwärtsgang sind. Julie und Curtis von der „Manna“ aus Sitka/Alaska, die wir in Mikronesien kennengelernt und die inzwischen in Seattle ihren Anker geworfen haben, machen uns mit anderen Seglern aus Alaska bekannt. Bei der Planung des nächsten Winterlagers für „Alumni“ können sie uns vielleicht wertvolle Hinweise geben.

Auch Kathleen und Brian von der „Pelorus Jack“ aus Britisch-Kolumbien sind wieder zu Hause. Sie sind bereits vor zwei Jahren von Japan nach Kanada zurück gesegelt. Ihr „Zoom“-Vortrag über die Aleuten, Kodiak und das alaskische Festland lässt die Vorfreude auf das vor uns liegende Abenteuer weiter ansteigen. Nur noch ein paar Wochen, dann heißt es endlich wieder: „Wir sind dann mal weg!“ Hoffen wir, dass weder der Despot in Russland noch COVID-19 uns einen Strich durch die Rechnung machen.



3 Kommentare

  • Monika und Günter Brand # Direkt antworten

    Reisen in widrigen Zeiten
    Nun hat nicht nur Corona Einfluss auf eure Reiseplanung – sondern auch der Krieg, den Russland führt, bestimmt den Kurs nach Norden. Wir werden eure Reise mit großem Interesse verfolgen und wünschen euch immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel und mindestens eine Handbreit Diesel im Tank für die Heizung!
    Monika und Günter

  • Stiens # Direkt antworten

    Liebe Weltumsegler Org und Sylvia Köster, mit großem Interesse habe ich Ihre Informationen über die Situation der SY ALUMNI in Japan und über den geplanten Törn nach Alska gelesen. Ich bewundere Ihren Wagemut und das Organisationstalent.Sie sollten später mal ein Buch darüber schreiben auf der gleichen Ebene wie die Kammler`s, Schenk`s, Erdmann„s Wilt`s und andere.
    Viel Glück bei dem bevorstehenden Abenteuer . Ihr Ric Stiens

  • Wolfgang Glaser und Karin # Direkt antworten

    Wir freuen uns für Euch dass Ihr einen Weg gefunden habt, dass die Reise weiter geht. Bleibt gesund und kommt gut zum Ziel und zurück.
    Bis die Tage
    Wolfgang und Karin

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